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Satire- und Geschichtenblog
 

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4. Alberta taucht ab

Als die Dämmerung hereinbricht, ist Alberta bereits erschöpft: Die „vielseitige Tätigkeit“ als städtische Angestellte hat sich als ein unterfordernder Job entpuppt, der im Wesentlichen aus Stadtinformation und Kartenverkauf für kulturelle Veranstaltungen besteht – das eine so öde und nervtötend wie das andere. Vor allem die Abenddienste können Alberta gestohlen bleiben. Erst recht an einem regnerischen Novembertag wie diesem. Nach ihrem normalen Dienst noch einen Fußmarsch in eine gottverlassene Gegend zu machen, um in irgendeiner Mehrzweckhalle an der Abendkasse zu sitzen, ist nichts, was sie sich als Herausforderung schönreden könnte. Aus dem Dunkel vor ihr taucht eine Gruppe auf, unter Regenschirme geduckt, eilig einem beleuchteten Eingang zustrebend. Alberta hofft, dass wenigstens ihre Kollegin Carola schon da ist, die sich hier besser auskennt.

Mitten in einer Menschentraube lässt Alberta sich ins Foyer schieben. Carola ist bereits mit dem Einlass beschäftigt und kontrolliert die Karten der Besucher. Alberta hängt ihren regennassen Mantel auf und macht sich umgehend mit dem Kassenbereich vertraut.

Gefühlte Stunden später hockt sie zusammengekauert in ihrem Kassenbereich und zieht fröstelnd die Strickjacke enger um sich. Mit pochenden Schläfen und Lichtempfindlichkeit kündigt sich eine Migräne an. Alberta gähnt und reibt sich den Nacken. Missmutig blickt sie zur Wanduhr: Hoffentlich kommt keiner mehr! Sie gähnt noch mal, bis ihre Kiefer knacken: „Lass uns abrechnen, Caro – und dann nichts wie nach Hause!“

„Aber wir wollten doch zusammen die Vorstellung ...“

„Tut mir leid, Schatz. Ich bin heute einfach zu geschafft. Ich glaube, ich kriege `ne Grippe …“

„Na super: Und ich darf wieder mit meiner Mutter vor der Glotze abhängen!“

„Wir gucken uns die Vorstellung morgen an. Versprochen. Außerdem hab` ich mir schon ein Taxi bestellt“. Alberta schnäuzt geräuschvoll in ihr Taschentuch.

„Na gut. Mach` ich eben die Kassenabrechnung alleine …“

„Bist du böse?“

„Und wie - falls du hier noch länger die Luft kontaminierst. Hau schon ab, Triefnase!“

Alberta wirft Caro einen gehauchten Luftkuss zu und sucht eilig ihre Sachen zusammen.

Draußen ist es inzwischen stockdunkel. Es gießt immer noch in Strömen. Schaudernd klappt Alberta ihren Mantelkragen hoch: Wo wohl das Taxi bleibt …? Auf dem Parkplatz vor ihr ist jedenfalls nichts zu sehen. Womöglich parkt es am unbeleuchteten Ausgang des Schulhofes? Windboen peitschen ihr eisige Schauer ins Gesicht. Angestrengt starrt sie in die Dunkelheit. Einen Augenblick zögert sie, dann zieht sie den Kopf ein und rennt mit hochgezogenen Schultern über einen unbeleuchteten Schulhof. Mit einer Hand umklammert sie ihre Einkaufstüte, in der anderen Handtasche und Regenschirm.

Als sie über den nass glänzenden Asphalt hastet, blenden auf der gegenüberliegenden Seite Scheinwerfer auf: Das Taxi!?

„Ste-hen-blei-ben!“, jammert sie und legt einen Sprint ein, den Blick starr auf die Scheinwerfer gerichtet -als könne sie so das Auto so am Wegfahren hindern.

Fast wäre sie über eine Steinkante gestolpert.

„Verdammte Stufe!“, flucht sie und hebt reflexartig ein Bein, um sie zu erklimmen. Und wundert sich: Wieso ist eigentlich mitten auf dem Schulhof eine Stuuuu …???

Unvermittelt reißt es sie in die Tiefe. Im freien Fall geht der Schirm fliegen, verzweifelt sucht sie irgendwo Halt. Dabei schlägt sie mit der linken Hand hart auf eine Steinkante, bevor sie unsanft auf ihrem Hintern landet und im eisigen Wasser sitzt, dass ihr bis zur Brust schwappt.

Zum Staunen hat sie wenig Zeit. Schneller als sie begreift, was geschehen ist, treibt die Panik sie auf die Beine. Ihre Schaltzentrale will es so. Sie watet durch das Wasser, bis sie unter ihren Füßen Stufen fühlt, die hinauf führen. Ihre  Einkaufstüten zieht sie dabei wie eine Pflugschar hinter sich her. Auf allen Vieren krabbelt sie nach oben. Dort angekommen, richtet sie sich schwer atmend auf, starrt in das dunkle Loch, dem sie gerade entronnen ist. Was soll das hier sein: „Vorsicht Kamera“?

Zitternd vor Schock, Scham und Kälte steht sie auf der Betonumrandung einer nur schemenhaft zu erkennenden, in den Boden eingelassenen Sitzgruppe. Alberta rekapituliert: Hier ist ein Schulhof. Dort sind Stufen. Da kann auch ich nicht weit sein. Eben war ich ja noch da …,

Nach  gefühlten Ewigkeiten nur ein Gedanke: Hoffentlich hat das jetzt keiner gesehen!

Langsam schwant ihr, dass etwas Schlimmes passiert ist: Jemand ist ins Wasser gefallen. Jemand, der so blöd ist, in eine, im Boden eingelassene Sitzgelegenheit  aus Beton zu fallen, die sich durch die heftigen Niederschläge der letzten Tage in ein Plantschbecken verwandelt hat.

Während Alberta mental rechts ran fährt, um das Ganze zu verarbeiten, vergeht einige Zeit. Sie wischt sich den Regen aus den Augen, allerdings verhilft ihr das zu keinerlei Klarsicht. Ihre linke Hand tut auf einmal höllisch weh. Eine innere Stimme gibt ihr Anweisungen, eine Kehrtwende zu machen. Wie ein Zombi von einer unsichtbaren Kraft gelenkt, wankt sie auf das heimelige Licht der Mehrzweckhalle zu. Warum, weiß sie nicht. Vermutlich, weil es sich im Hellen einfach besser denken lässt. Von irgendwoher kommt die Regieanweisung: Cut! Alles noch mal auf Anfang!

Als Alberta das Foyer erreicht, blinzelt sie in unbarmherzig grelles Licht. Kein Mensch zu sehen. Dann, Äonen weit entfernt, eine bekannte Gestalt: Ca-ro-la?!

Mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen starrt Caro vom anderen Ende des Foyers auf die klitschnasse, blutverschmierte Alberta im Eingang. Es braucht eine Weile, bis sie diese eigenwillige Version von „Thriller“ verkraftet hat.

Aus Carolas Blick schließt Alberta, dass sie ziemlich ramponiert aussehen muss. Ihr Wollmantel hängt an ihr wie das Fell eines ertrunkenen Schafes. Mit belegter Stimme erklärt sie -  mehr sich selbst, als Carola -: „Ich glaube, ich bin in einen Brunnen gefallen …“

 „Was `n für `n Brunnen?“, fragt Carola, noch in Schreckstarre. Eine Schrecksekunde später stürzt sie auf Alberta zu: “Du blutest ja wie ein …!“

Alberta schaut auf den Boden. Zu ihren Füßen hat sich eine rosa Pfütze gebildet. Sie wundert sich: Himbeersaft?

In ihrer linken Hand pocht es. Langsam öffnet sie die Faust und schaut in eine tief klaffende, offene Wunde. An der Daumenwurzel hat sich ein Winkel ins Fleisch gerissen, aus dem unablässig das Blut pulsiert – das sie sich in Unkenntnis der Sachlage bereits auf Gesicht, Haare und Mantel geschmiert hat. Alberta wird blass. Langsam wird ihr klar, dass das Unangenehme, dass sich ereignet hat, auch äußerst unangenehme Auswirkungen hat.

„Du musst ins Krankenhaus!", ruft Carola mit einem Anflug von Panik in der Stimme." Was ist denn bloß passiert, sag mal?“

Das hätte Alberta auch gerne gewusst. Sie zittert:„Ichglaubmirwirdschlecht!“

Carola hakt sie unter und führt sie durch die Eingangshalle zum Küchenbereich.

Dort soll Alberta sich setzen und erst einmal tief durchatmen. Ungläubig bestaunt sie die Wunde an ihrem Daumen, während Carola hektisch nach ihrem Handy sucht. „Ich rufe einen Krankenwagen!“

„Aber mein Taxi …!“, protestiert Alberta.

„Kein Taxi dieser Welt nimmt dich so mit: Pitschnass und blutend. Wir müssen dich verbinden … fragt sich nur, womit?"

Caro reißt einige Schubladen auf, dann wird sie fündig und zerrt ein sauberes Geschirrtuch heraus. „Du solltest unbedingt aus den nassen Sachen, sonst erkältest du dich noch dazu! Ich rufe meine Mutter an, die soll uns einen Verbandskasten und Klamotten rüberbringen!“

Matt lehnt Alberta ihren Kopf an die Wand. Gut, dass Carola gleich um die Ecke wohnt. Ihr soll alles recht sein - was andere tun, um ihre Lage zu verbessern. Ihre Energie ist fürs Erste aufgebraucht: Einfach nur hier sitzen und in aller Ruhe verbluten …

Währenddessen telefoniert Carola im Foyer: „Mama? Du musst schnell rüberkommen: ein Unfall!

Nein, nicht ich – Alberta.

Wie? 

Keine Ahnung ...sie sagt, sie ist in einen Brunnen …

Genau das frage ich mich auch. Jedenfalls ist sie pitschnass. Und blutet.  

Weißt du, wo unser Verbandskasten ist?

Ja, genau, im Bad. Und bring Klamotten mit: Hose, Strümpfe, Unterwäsche ...was man eben so anhat.

Wie, welche Größe?

Ach so.

Warte kurz!

Alberta, welche Kleidergröße hast du?“

Darüber muss Alberta lange nachdenken. Gute Frage. Nächste Frage.

„Äh – normal ...?“

Carola bellt ins Telefon: „Bring einfach irgendwas Bequemes mit! Nein, nicht von mir – Alberta ist kleiner als ich … Gut, mach das … und: Beeil` dich!“

Sie kommt zurück und streichelt Albertas bleiche Wange.

„Am besten, wir ziehen dir erstmal die nassen Sachen aus - so kannst du nicht ins Auto. Komm, ich helfe dir aus dem Mantel!“

Mit puddingweichen Knien erhebt sich Alberta und lässt alles willenlos mit sich geschehen. Sorgenvoll schaut sie dabei auf den Küchentuchverband, der sich langsam rot färbt.

Carola hilft ihr aus dem Mantel und fragt: „Was ist denn bloß passiert?“

Alberta bibbert und klappert mit den Zähnen.

„Keine Ahnung … da waren plötzlich Scheinwerfer, die mich geblendet haben. Ich dachte, das ist mein Taxi ... und dann war da plötzlich diese blöde Stufe …"

Carola, die am Boden kniet und an Albertas Stiefeln zerrt, schaut mit dem Ausdruck größter Verwunderung zu ihr hoch: Meinst du etwa die Sitzgruppe?“

„Ich konnte doch nichts sehen im Dunkeln!“ verteidigt Alberta sich kleinlaut.

„War sicher `ne Menge Wasser drin bei dem Regen …“

„Ging mir ungefähr bis da", Alberta zeigt bis zu ihrer Brust, „… im, äh, sitzen.“

Carola scheint plötzlich lustige Bilder im Kopf zu haben und versucht, sich ein Grinsen zu verkneifen.

„Was macht dein Daumen - blutet er noch?“

„Ich glaube, ja.“

Alberta legt gerade die Wunde frei, als Carolas Mutter hereinstürmt:„JesusmariaundJosef! Hier sieht `s ja aus wie im Feldlazarett!“

„Alles halb so wild, Frau Klett!“ versucht Alberta zu beschwichtigen.

„Zeigen Sie mal her!“

Albertas kläglicher Zustand scheint Frau Kletts Helferinstinkt zu aktivieren: Sie mutiert umgehend zur Kümmerin, die den Rettungseinsatz übernimmt.

„Wieso ist sie so nass?“ fragt Frau Klett über Albertas Kopf hinweg – vermutlich aus reiner Lust am Fragen.

„Das ist …äh … eine längere Geschichte …“, antwortet Carola.

„Jedenfalls muss das genäht werden!“, diagnostiziert Frau Klett mit Blick auf Albertas Wunde am Daumenballen:„Sie müssen ins Krankenhaus, Alberta.“

„So weit waren wir bereits“, stellt Carola lakonisch fest und öffnet den Reißverschluss an Albertas Hose: "Hilf mir mal, sie auszuziehen!“

Alberta ergreift ein unstillbares Verlangen, einfach abzuhauen: Man will sie hier nackig machen!

Ein Kleidungsstück nach dem anderen klatscht auf den Boden. Schützend legt Alberta ihre unverletzte Hand über ihren nassen Slip und fragt kläglich: „Hat mal jemand ein Handtuch …?“

Als Opfer scheint sie nichts zu melden zu haben: Während Frau Doktor Klett ihre linke Hand mit einem Notverband umwickelt, zieht ihr Rettungssanitäterin Carola den Slip runter.

„Nun mal keine falsche Scham“, kommandiert Frau Klett, „das ist ein Notfall – und wir sind unter uns."

Sie reicht Alberta einen Stapel zusammengefalteter Kleidung:“ Alles von mir - frisch gewaschen!  Suchen sie sich raus, was sie brauchen!“

Zuerst sucht Alberta nach etwas, um ihren nackten Hintern unter dem Handtuch zu bedecken. Nachdem sie hineingeschlüpft ist, muss sie feststellen: Gute Passform sieht anders aus.

Mama Klett trägt Größe XXL.

Alberta wendet sich einem Unterhemd als Hoffnungsträger zu.

„Alles ein bisschen groß“, murmelt Frau Klett ungerührt und wirkt nicht so, als würde ihr diese Tatsache großen Kummer bereiten. Alberta nickt tapfer. Ihre Brüste suchen vergeblich Halt im Schiesser - Feinripp und baumeln schwer über dem Rand des Riesenschlüpfers, den sie sich in einem Akt der Verzweiflung bis unter die Achseln zurrt.

Carola betrachtet sie grinsend: „Steht dir aus-ge-zeich-net!“

„Hauptsache sauber und trocken!“, brummelt Frau Klett.

Alberta schiebt verlegen grinsend eine Hüfte vor:" So was trägt die Prinzessin von heute – nachdem sie in einen Brunnen gefallen ist ...“

„Was denn für ein Brunnen?“ fragt Frau Klett.

„Das erzähl` ich dir später, Mama “ kichert Carola.

Alberta tut, als ob sie beleidigt ist: „Schön, dass sich hier alle bestens amüsieren – auf meine Kosten! Eigentlich wollte ich nach Feierabend nur `ne kleine Runde schwimmen …!“

Gefühlte Stunden später: Ein Krankenhaus

„Aussteigen bitte!“ Carola hält direkt vor dem Eingang, weil Alberta nur weiße Sportsocken an den Füßen trägt. An Schuhe hatte Frau Klett nicht gedacht. Also muss Alberta eben auf weißen Socken die Treppen hinauf tapsen. Carola braust weiter, einen Parkplatz suchen. Der Eingang des Krankenhauses ist taghell erleuchtet, an der Rezeption sitzt ein älterer Mann, der von seiner Zeitung aufblickt.

„Wo ist bitte die Notaufnahme?“ Zur Legitimation hält Agnes ihren blutigen Verband hoch: "Ich hatte einen Unfall."

„Erster Stock, Chirurgie“.

Kopfschüttelnd schaut der Mann Alberta hinterher, wie sie auf Strümpfen Richtung Aufzug schlittert.

In der chirurgischen Ambulanz scheint die Zeit stillzustehen. Niemand zu sehen, kein Laut dringt aus den Zimmern. Alberta entdeckt eine Notfallklingel. Eine Wanduhr tickt. Sieht nicht so aus, als erwarte man um neun Uhr abends noch Patienten – oder noch nicht. Sie muss mehrmals den Klingelknopf drücken, bis endlich jemand hinter der Glasscheibe auftaucht. Eine säuerlich dreinblickende Frau mustert sie von oben bis unten: „Krankenversicherungskarte und zehn Euro Praxisgebühr.“

Kundenfreundlichkeit scheint in dieser Klinik noch nicht bis zum medizinischen Personal vorgedrungen zu sein. Alberta fragt sich, ob ihr Gegenüber so unfreundlich ist, weil sie ohne Schuhe dasteht - oder weil der pinkfarbene Hausanzug von Mama Klett jene Passform vermissen lässt, die man von Unfallopfern hier erwartet. Alberta mag aber jetzt nicht darüber nachdenken, wie es mit ihrer Außenwirkung bestellt ist. Vermutlich sieht sie aus wie eine Mischung aus Cindy aus Marzahn und Puck, die Stubenfliege.

Carola stürmt gerade um die Ecke, als die medizinische Fachkraft noch einmal  auf zehn Euro Praxisgebühr besteht. Cash. Mit spitzen Fingern schiebt sie den nassen Zehner, den Alberta gerade mühsam mit einer Hand aus der nassen Geldbörse gefischt hat, zurück: „So kann ich den nicht annehmen!“

Alberta denkt: Ja. Nee. Ist ja auch logisch: Entweder trockene Scheine – oder verbluten!

Gut, dass Carola mit trockenen Geldscheinen aushelfen kann. Aber sie ist in Eile: „Alberta, ich stehe im Halteverbot. Kommst du hier alleine klar? Meine Mutter hat eben angerufen: Der Kleine ist wach. Er hat Fieber und heult … kommt aber auch alles auf einmal, heute!“

„Fahr nur!“ sagt Alberta. "Ich kann ja nachher ein Taxi rufen …“

Carola und Alberta sehen sich an.

„… und wieder in einen Brunnen fallen?“, vollendet Carola den Satz. Beide brechen in Lachen aus.

Die medizinische Fachkraft lacht nicht mit.

„Bitte setzen Sie sich, Sie werden aufgerufen!“

Gehorsam nimmt Alberta Platz.

„Danke für alles, Caro! Nun fahr schon ab - sonst halten die dich hier noch für meine gesetzliche Betreuerin – so, wie ich aussehe …“

Gefühlte Stunden später: Ein Behandlungszimmer

„Wo sind Ihre Schuhe?“

Schwester Karin blickt tadelnd auf die Sportsocken an Albertas Füßen, die ihre Farbe inzwischen von weiß auf nassgrau gewechselt haben.

„Waren nicht mehr zu gebrauchen“, antwortet Alberta knapp.

Schwester Karin sieht auch aus wie jemand, der über Scherze nicht lachen kann. Noch so eine Spaßbremse.

„Und warum nicht?“

„Weil meine Klamotten alle nass sind. Ich bin in einen Brunnen gefallen ...“

"...?"

Alberta seufzt. Was immer sie jetzt auch sagt - es macht die Sachlage für andere nicht übersichtlicher. Sie versucht es trotzdem: „Das hier sind nicht meine Sachen ...“

„...“

Schwester Karin macht sich Notizen.

„Und wie viel Alkohol haben Sie getrunken?“

„Gar keinen: Ich habe gearbeitet.“

„ …“

„In der Mehrzweckhalle der Hans-Böckler-Schule. Für das Kulturforum. An der Abendkasse „…“

„… und als ich Feierabend hatte, wollte ich schnell zum Taxi … es war dunkel …und da waren plötzlich Stufen, da bin ich abgerutscht und ...“

„Also ein Arbeitsunfall“, konstatiert Schwester Karin. „Da müssen wir ein Unfallprotokoll machen: Wie spät war es genau, als sich der Unfall ereignet hat …?“

„Hören sie, Schwester, meine Hand tut weh, mein Daumen blutet. Hat das nicht Zeit bis nachher?“

Schwester Karin nickt ungnädig. Und zieht zwei hellblaue Plastikhauben aus einer Schublade:„Ziehen sie die bitte über ihre Strümpfe – wenn sie schon keine Schuhe haben!“

Die hellblauen Plastikdinger sehen aus wie Mitropa-Duschhauben.

Ein Arzt betritt den Raum. „Wen haben wir hier?“ fragte er ohne jede Begeisterung.

„Arbeitsunfall, Verletzung am linken Daumen“, informiert ihn Schwester Karin, noch bevor Alberta den Mund aufmachen kann.

„Grüße Sie, Frau äh …, ich bin Dr. Trekan – was kann ich für Sie tun?“ Sinnend betrachtet er die hellblauen Mitropa-Duschhauben an Albertas Füßen.

„Schrömpel.“

„Wie meinen?“

„Alberta Schrömpel.“

„Und was führt Sie zu später Stunde zu uns, Frau äh …?“

„Ich bin gestürzt.“

Das muss reichen, denkt Alberta. Bloß nicht noch mal die Herkunft ihrer Klamotten erklären! Nachdem er den Verband abgewickelt hat, besieht Dr. Trekan die Wunde, sprüht Desinfektionsmittel darüber und legt anschließend einen provisorischen Druckverband an.

„Wann war Ihre letzte Tetanus-Impfung?“

Alberta kann sich nicht erinnern.

„Also erst Tetanus, dann Röntgen!“, kommandiert er und verschwindet so lautlos, wie er gekommen ist.

Schwester Karin bereitet eine Spritze vor und fordert Alberta auf, sich „untenrum“ freizumachen.

Widerstrebend  lässt Alberta die pinkfarbene Schlupfhose fallen. Im hell ausgeleuchteten Zimmer steht sie nun im schlabberigen Schiesser-Feinripp da. Und hat Klärungsbedarf: "Das ist nicht meiner ...“

Schwester Karin betrachtet stumm das Elend.

„... ich meine, der Slip gehört auch nicht mir …“, setzt Alberta noch einmal an. Dann denkt sie: Ach, vergiss es, du blöde Nuss!

Nach dem Röntgen muss sie wieder draußen warten. In ihrem Daumen pocht und hämmert es. Gefühlte Ewigkeiten darf sie ihre Schmerzen genießen, bevor sie wieder ins Sprechzimmer gerufen wird. Dort nimmt Schwester Karin das Unfallprotokoll auf. Dann wartet man gemeinsam auf Doktor Trekan. Der hat scheinbar Wichtigeres zu tun …

„Etwas Lebensbedrohliches sollte man nach der Tagesschau nicht haben!“ versucht Alberta zu scherzen.

Schwester Karin blickt kommentarlos in die Krankenakte.

Doktor Trekan kommt wieder hereingehuscht. So wie der aussieht, könnte er auch bei Grey`s Academy mitspielen, findet Alberta und initiiert ein werbendes Lächeln.

Doch Dr. Trekan hat nur Augen für ihre Röntgenaufnahmen. Danach widmet er sich eingehend der Wunde, indem er den aufgerissenen Hautlappen mit der Pinzette hochhält.

Alberta dreht ihren Kopf zur Seite.

„Das nähen wir mit fünf, sechs Stichen - alles nicht so wild“, sagt Dr. Trekan. Seine Stimme klingt fast ein wenig enttäuscht.

„Unter Vollnarkose?" fragt Alberta hoffnungsvoll.

„Nicht nötig“ antwortete er in beunruhigend gleichmütigem Tonfall.

Augenblicklich rutscht ihr das Herz in die pinkfarbene Nickischlupfhose.

„Sie wollen doch jetzt nicht das machen, was ich fürchte, dass sie es doch machen?“

Alberta wappnet sich zur Flucht. Was Schwester Karin umgehend zu verhindern weiß. Wie ein Sumo-Ringer zwingt sie Alberta wieder in die Horizontale.

Doktor Trekan hat dem Geschehen den Rücken zugewandt und steht an einem der Einbauschränke, wo er mit irgendwelchen Instrumenten klappert. Als er sich umdreht, hat er einen Mundschutz umgelegt, in der Hand hält er eine Spritze: So, Frau Schrömpel - ich fürchte, wir zwei werden gleich keine Freunde mehr sein …!“ 

Diese Art Humor hält Alberta für ganz und gar unangebracht. Sie holt tief Luft und stellt das Atmen ein.

Gefühlte Lichtjahre später. Auf einem OP-Tisch

Alberta sinnt auf Rache: Dieser sadistischen Schlächter hat ihr die verdammte Betäubungsspritze mehrmals direkt neben die Wunde in den Daumen gerammt! Dafür hätte sie ihm liebend gerne eine reinhauen.

„Das Schlimmste haben Sie hinter sich“, hat er dann ohne einen Funken Mitgefühl gesagt. „Bis die Betäubung wirkt, lassen wir sie eine Weile allein.“

Tränenblind blickt Alberta hinauf ins helle Licht der OP-Lampe. Und betet: Lieber Gott, mach, dass Dr. Trekan im Medizinstudium eine Eins im Nähen hatte …!

Danach erwägt sie im Geiste diverse Möglichkeiten zur Flucht.

Sie will nicht noch mehr Zeit damit verbringen, sich auszumalen, welche Folterinstrumente unter dem grünen Tuch auf dem OP-Tisch liegen.

Verzagt blickt sie an sich herab, wie sie so daliegt: In einem pinkfarbenen Synthetik-Hausanzug in Größe zweiundfünfzig. Und hellblauen Mitropa - Duschhauben an ihren Füßen.

Dann beschließt Alberta spontan, auf eine Flucht mit dem Taxi doch besser zu verzichten …

7.12.17 10:10

Letzte Einträge: 3. Hangover, Stille Nacht, Alte Rechnungen, 5. Alberta kommuniziert, Es muss was Wunderbares sein ...?

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